Otto und Lise

Auf dem Bild ganz vorne steht Otto mit seinen Freunden von der Anti-Atom-Szene. Seit vielen Jahren ist er überzeugter Gegner von Kernkraft. Mit seinen vielen Kollegen, die alle das Gleiche denken über Atomkraft, kämpft er immer wieder gegen deren zivile Nutzung. Ottos Freunde haben grosse Angst davor und bedienen sich gegenseitig mit Horrormeldungen aus längst vergangenen Zeiten. Es ist für alle Freunde Ottos absolut undenkbar, dass sie in der Atomkraft je etwas Gutes finden könnten.

Sie erzählen sich schaurige Geschichten von Orten wie Tschernobyl oder Fukushima. Dort habe es viele Tote, Verletzte gegeben, die Strahlung würde ewig andauern und es würden heute noch jedes Jahr viele Millionen Menschen daran sterben. Die Teilkernschmelze auf der Insel Three Mile Island 1979 zitieren sie in ihrem liebsten Buch mit dem Titel „Das Greenpeace Handbuch des Atomzeitalters“ [L1022, Seite 291] noch im Jahr 1989 mit der Aussage „Die Menschen hier sterben wie die Fliegen„.

Obwohl das Buch die Belege dazu offen lässt, und obwohl kein offizieller Untersuchungsbericht auch nur einen Toten erwähnt, können Ottos Freunde seither einfach nicht mehr richtig glücklich sein. Das sieht man ihnen schon von Weitem an. Ihre eigenen Kinder und Kindeskinder haben sie mit diesem Missmut angesteckt.

Ottos und seiner Freunde Ansichten sind unabänderlich. Sie müssen sich auch gegenseitig immer wieder beweisen, dass sie das alles kollektiv schlecht finden. Denn sonst müssten sie sich die Freundschaft aufkündigen und alle Andersdenkenden als „Faschisten“ bezeichnen. Otto reitet wie seine Freunde, geistig blockiert und ahnungslos auf einem toten Pferd. „Von diesem kalten Rücken lass‘ ich mich nicht vertreiben“ und denkt dabei spontan an den Suppenkaspar seiner Kindheit, der das ja auch so gesagt hat, zumindest was das Essen seiner Suppe betrifft. Aber bei der Atomkraft, da ist Otto absolut unbeirrbar der Meinung, wie er ganz genau weiss, dass das eine schlechte Sache ist.

Otto hat einen Abschluss in Germanistik. Viele seiner Studienkollegen sind exakt seiner Meinung zu Kapitalismus und Atomkraft. Manchmal hört Otto, dass es doch tatsächlich Menschen gäbe, die Atomkraft etwas Gutes, ja sogar als etwas absolut Notwendiges erachten. Diese seine Ansichten hat Otto nun schon seit der Studienzeit. Obwohl bei ihm und seinen Freunden immer wieder mal auch positive Nachrichten zu Atomkraft durchsickern, hält er daran fest, dass die Befürworter nur böse Absichten hegen würden.

Bei einer seiner vielen Demos trifft er Lise. Sie ist promovierte Physikerin und hat Otto schon als Kind in der gleichen Primarklasse kennengelernt. Sie hat sich spezialisiert und wurde – Otto ist entsetzt – eine echte Kernphysikerin. Wie kann man nur – denkt sich Otto, aber insgeheim bewundert er Lise für ihren interessanten Beruf. Lise ist auch etwas verwundert darüber, wie Otto sich so grundsätzlich gegen Kernkraft wehrt. Sie kann das auch gar nicht verstehen. Denn Lise kennt die zivile Kernkraft sehr gut und findet sie wichtig für die Gesellschaft. Angst hat sie davor überhaupt keine. Nicht die Spur, sie weiss ja ganz genau, was da so läuft …

Lise war schon früher immer für ein kleines Spässchen zu haben und lädt Otto zu sich ins Kernkraftwerk ein. Er müsse keine Angst haben, es könne nichts passieren. Zuerst zeigt sie ihm den Reaktor und die Brennstäbe, die durchs Wasser schönes, blaues Licht verstrahlen. Es sei die „Tscherenkov-Strahlung“. Natürlich sei das hier schon etwas gefährlich, denn ohne Wasser zwischen sich und den Brennstäben wäre der Ort hier tödlich. Heimlich zieht sie nun eine bläuliche Neonlampe aus der Ecke und sagt zu Otto: „Schau mal hier ist so ein Brennstab, ist doch was schönes, nicht?“ Otto zuckt zusammen und sieht sich bereits am Ende seines jungen Lebens.

Aber schon bald kann sie das Lachen nicht mehr zurückhalten und erklärt Otto, dass das natürlich kein echter Brennstab sei. Otto findet das nicht sehr lustig, beginnt aber langsam zu erkennen, dass es neben der festgefahrenen Meinung seiner Demo-Freunde auch noch eine andere Wahrheit geben könnte. Lise erklärt Otto nun des Langen und Breiten, dass moderne Kernkraftwerke alles andere als gefährlich seien. Otto versteht noch nicht so richtig. Aber wenn er Lise bei ihrer Arbeit beobachtet, schmilzt seine Angst vor Atomkraft wie Butter in der Wüste.

Lise trifft sich von da an noch öfter mit Otto. Ottos Demo-Freunde munkeln schon, Otto habe sich in Lise verguckt und würde seither nicht mehr so „bei der Sache sein“. Otto sieht mit Lises Hilfe bald ein, dass er von seinem toten Pferd absteigen sollte. Lise hilft ihm dabei gerne.

Otto und Lise sind älter geworden. Ihre Kinder sind schon ein paar Jahre alt. Otto nimmt es nicht mehr so streng mit den extremen Ideologien seiner Jugend. Lise und die beiden Kinder sind darüber ganz froh …

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